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Die Zeit

25.11.2014

Syrien-Flüchtlinge Die hungernden Gäste von Istanbul

 von Çiğdem Akyol, Istanbul

 

Der Winter naht. Für viele Syrer in der Türkei verschärft das die jetzt schon unerträgliche Lage. Und die Gastfreundschaft der Einheimischen neigt sich dem Ende zu.

Untertitel des Fotos: Ein syrisches Flüchtlingskind mit seiner Mutter in Istanbul  

 

Es wird langsam kühl in Istanbul. Es regnet viel, mehr als zehn Grad werden es selten. Die Touristen am Taksim-Platz, die sich mit ihren Einkaufstüten in das Fünfsternehotel Marmara drängen, freuen sich auf die beheizte Lobby und ihre warmen Zimmer.

Auf Fatima wartet nichts dergleichen. Die 22-jährige Syrerin sitzt auf dem kalten Boden vor der Drehtür des Hotels. Sie hat Wasserflaschen vor sich gestapelt, die sie für umgerechnet 30 Cent pro Stück verkauft. Die meisten Menschen sehen nicht, wie sie ihrem sechs Monate alten Sohn die Brust gibt. Sie beachten ihre zweijährige Tochter nicht, die auf einer Decke neben ihr schläft. Und sie haben auch kein Ohr für Fatimas drängendste Frage: Wie soll ich nur meine Kinder beschützen?


Die Türkei hat ein Problem, das mit jedem Tag größer wird. Seit Ausbruch des syrischen Bürgerkrieges im März 2011 hat das Land nach eigenen Angaben mehr als 1,6 Millionen Syrern Zuflucht gewährt, die Vereinten Nationen nennen eine Zahl knapp über einer Million. Alleine seit der Belagerung Kobanis habe das Land 200.000 Menschen aufgenommen – ebenso viele wie die gesamte Europäische Union seit Beginn des Bürgerkriegs.

Nun eskalieren die Kämpfe um die nordsyrische Stadt Aleppo. Die Türkei befürchtet eine neue Flüchtlingswelle von bis zu drei Millionen Menschen. Dabei ist das Land schon jetzt mit den Flüchtlingen überfordert. Bald kommt der Winter, und nur eine Minderheit der Hilfesuchenden wird ihn in den 21 Camps erleben, die die Regierung landesweit errichten ließ. Manche leben bei Verwandten oder mieten Wohnungen zu ruinösen Preisen. Viele andere aber hausen in Ruinen oder auf der Straße, dem Zuhause der Ärmsten. Wie Fatima.

Ihren Mann habe sie bei der Flucht aus dem nordsyrischen Kobani verloren, sagt sie. Dann habe sie sich bis nach Istanbul durchgeschlagen, wo sie jetzt mit ihren zwei Kindern am Taksim-Platz lebt.

Sie ist nicht die Einzige. Auf der Istanbuler Einkaufsmeile İstiklal Caddesi, die vom Taksim-Platz abgeht, sind bettelnde syrische Flüchtlinge mittlerweile ein vollkommen normaler Anblick. Sie sitzen inmitten der Menschenmassen auf dem Boden, manche haben ihren syrischen Pass vor sich hingelegt. Zu ihrer traurigen Normalität gehört auch, dass sich unter die Notleidenden Menschen geschlichen haben, die gefälschte syrische Pässe herzeigen.

Syrer erhalten in der Türkei einen Status, von dem Flüchtlinge aus Afrika nur träumen können. Sie gelten zwar nicht offiziell als Flüchtlinge, die Regierung bezeichnet sie als "Gäste". Aber sie dürfen kostenlos das staatliche Gesundheitssystem nutzen. Wer sich registrieren lässt, soll demnächst gar eine Arbeitsgenehmigung erhalten. Das ist allerdings auch dringend geboten. Denn noch schlagen sich die meisten Flüchtlinge mit Schwarzarbeit durch.

Die Türkei kann nicht weiterhin so handeln, als wäre sie die Vereinten Nationen"

An manchen Orten ist die Arbeitslosigkeit deshalb sprunghaft angestiegen. Die Syrer arbeiten für ein Drittel des regulären Gehalts und ohne Sozialversicherung. In der Provinz Şanlıurfa nahe der nordsyrischen Grenzstadt Kobani leben neben den 1,5 Millionen Einheimischen noch weitere 155.000 syrische Flüchtlinge. Hier ist die Arbeitslosenquote in den letzten zwei Jahren von 6,2 Prozent auf 16,4 Prozent gestiegen. Inzwischen glauben nach einer Umfrage der Hacettepe-Universität in Ankara 56 Prozent der Türken, die Syrer würden ihnen die Arbeit wegnehmen.

Die Türkei kann den Flüchtlingen kein landesweites Versorgungsnetz bieten, die Menschen müssen sich selbst um Essen, Trinkwasser und ein Dach über dem Kopf kümmern. Das erhöht auch den Druck auf die Kleinsten, zu arbeiten. Wer durch Istanbul läuft, sieht überall Flüchtlingskinder, die als fliegende Händler Essen, Blumen oder Spielzeug verkaufen oder als Schuhputzer vor Erwachsenen knien. Nach Angaben des UN-Flüchtlingswerks besuchen 73 Prozent der Flüchtlingskinder keine Schule.

Zu Besuch bei Familie Shaban, die im Stadtteil Kartal wohnt. Vor zwei Jahren kam die Familie aus Aleppo. Seitdem sei ihre Miete von umgerechnet monatlich 200 auf 300 Euro erhöht worden. Die Räume sind spärlich und mit kaputten Möbeln möbliert, es gibt keine Heizung und keinen Ofen, es fehlt an Decken und warmer Kleidung.

Vater Fadi muss die Familie mit den zwei Söhnen mit Gelegenheitsjobs durchbringen, für meistens zehn Euro pro Tag. Er ist Englischlehrer, doch er arbeitet auf dem Bau, als Putzmann oder Müllsammler. "Ich kann nicht wählerisch sein", sagt der 29-Jährige, "ich muss die Arbeit annehmen, die man mir anbietet". Es gebe Tage, da habe die Familie nichts zu essen.

Längst sind die Flüchtlinge zu einer innenpolitischen Frage geworden. Die türkische Regierung habe verstanden, sagte Vizepremier Numan Kurtulmuş Anfang November, dass die Syrer in absehbarer Zeit nicht mehr nach Syrien zurückkehren können. "Sie werden dauerhaft bleiben, und deshalb geht es jetzt darum, ihre Probleme dauerhaft zu lösen."

Die Türkei fordert – wie auch der Libanon und Jordanien – immer wieder mehr Unterstützung zur Bewältigung der Flüchtlingskrise durch die internationale Gemeinschaft. Von der kommt viel Lob und nicht viel mehr. "Diese Last wird mit Worten, aber nicht durch Taten gewürdigt", klagte Außenminister Çavuşoğlu in einem Gastbeitrag im britischen Guardian, "die Türkei kann nicht weiterhin so handeln, als wäre sie die Vereinten Nationen".

Kürzlich stellte die Menschenrechtsorganisation Amnesty International einen Bericht zur Situation der syrischen Flüchtlinge vor. Die Türkei, heißt es darin, habe den Hauptteil der Flüchtlinge und der finanziellen Belastung aufgenommen. Doch viele würden an der türkischen Grenze mittlerweile abgewiesen und in den Krieg zurückgeschickt.

 

 

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